Anorexie

Zirka 50% der Patienten mit neu diagnostiziertem Karzinom berichten von Anorexie und ungewolltem Gewichtsverlust201. Im fortgeschrittenen Stadium betrifft die Anorexie 70 - 80% der Patienten,202 davon klagen 50% über vorzeitige Sättigung und Übelkeit.203 Bei vielen Patienten liegt auch eine Geschmacks- und Geruchsveränderung vor. Die Ursachen der Tumoranorexie sind multifaktoriell und können aus gastrointestinalen Beschwerden, metabolischen Veränderungen und hormonellen Einflüssen bestehen.204

In der Regel ist bei der reinen Tumoranorexie der Stoffwechsel des Patienten intakt, und durch eine gezielte Ernährungstherapie kann die Mangelernährung verbessert werden.204 Da aber die Interventionsmöglichkeiten bei einer manifestierten Kachexie begrenzt sind, und auch nach Optimierung der Ernährung ein Substanzgewinn selten ist, sollte wenn immer möglich der primären Entstehung der Kachexie vorgebeugt werden.205 Das Ziel der Ernährungsintervention ist es, Mangelerscheinungen vorzubeugen, das Körpergewicht zu halten, die Therapie gut zu tolerieren, den Aktivitätslevel zu optimieren, die Immunabwehr zu stärken und somit insgesamt die Lebensqualität zu verbessern.205

Empfehlung des NCCN zur Therapie der Anorexie
Zuerst sollten reversible Ursachen der Anorexie wie die vorzeitige Sättigung durch die Gabe von Metoclopramid behandelt werden. Auch sollte nach Symptomen, welche die Nahrungsaufnahme behindern wie Dysgeusie, Xerostomie, Ulcera, orale pharyngeale Candidiasis, Mukositis, Nausea und Erbrechen, Dyspnoe, depressive Verstimmung, Obstipation, Schmerzen und Fatigue gesucht werden. Zusätzlich sollte die Medikation überprüft werden und allenfalls Medikamente, die bei der Nahrungsaufnahme stören, geändert werden.129
Danach sollte nach endokrinen Störungen wie Hypogonadismus, Thyroidea Dysfunktion und metabolischen Störungen wie z.B. erhöhtes Kalzium gesucht werden. Weitere Schritte sind: Appetitstimmulierende Substanzen erwägen (Megestrolacetat, 400-800 mg/d; Prednison 10-20 mg BID), körperliches Übungsprogramm zur Appetitanregung prüfen, soziale und ökonomische Faktoren untersuchen sowie Ernährungsberatung und supportive Ernährung in Betracht ziehen. Sollten diese Symptome beim Patienten nicht vorhanden sein bzw. die Behandlungen nicht möglich sein oder keinen Erfolg bringen, so gilt es eine enterale oder als letzte Möglichkeit parenterale Ernährung zu prüfen.129

Ernährungsintervention
Wann immer möglich, sollte die orale Nahrungszufuhr bevorzugt werden. Dabei ist der erste Schritt immer eine Beratung des Patienten – möglichst durch einen Ernährungstherapeuten.141 Generell kann es helfen, Speisen in geeigneter Zubereitungsform, Wunschkost sowie häufige, kleinere Mahlzeiten anzubieten. Eine angenehm gestaltete Umgebung und Essen in Gesellschaft, Aperitifs sowie körperliche Bewegung unterstützen die Anregung des Appetits. Am besten toleriert werden in der Regel weiche, flüssigkeitsreiche Speisen und Erfrischungsgetränke. Um einer Tumorkachexie vorzubeugen, kann bei zytostatikainduzierter Anorexie auch versucht werden, möglichst viele Nährstoffe in flüssiger Form aufzunehmen. 

Ernährungsempfehlungen für onkologische Patienten mit Ernährungsproblemen, aufgeteilt nach unterschiedlichen Symptomen: 204

Bei Appetitmangel/vorzeitiger Sättigung:

  • Häufige, sehr kleine Mahlzeiten anbieten
  • Individuelle Wünsche des Patienten berücksichtigen (Wunschkost) 
  • Nahrungsmittel meiden, die Aversionen hervorrufen 
  • Speisen mit hohem Nährstoff- und Energiegehalt bevorzugen („Light“ Produkte vermeiden) 
  • Geschmacksveränderungen beachten
  • Essen nicht stark würzen 
  • Speisen und Getränke appetitlich anrichten
  • Angehörige beim Essen einbeziehen
  • „Appetitanreger“ vor den Mahlzeiten anbieten (z.B. Tees aus Wermut, Salbei, Schafgarbe oder einen Aperitif eine halbe Stunde vor den Hauptmahlzeiten) 
  • Starke Essensgerüche meiden (Räume vor dem Essen gut lüften) 
  • Evtl. industriell gefertigte Supplementa benutzen


Bei Übelkeit/Erbrechen:

  • Kleine, leichte, nicht zu süsse oder zu fettreiche Mahlzeiten anbieten
  • Kühle Speisen und Getränke vorziehen (z.B. Wassereis, verdünnte Säfte, Cola) 
  • Trockene, stärkehaltige Nahrungsmittel anbieten wie Zwieback oder Toastbrot 
  • Keine Lieblingsspeisen anbieten, um erlernte Aversionen zu vermeiden
  • Nicht zum Essen zwingen, eher auf künstliche Ernährung ausweichen


Bei Entzündungen der Schleimhäute, Schluckstörungen oder verminderter Speichelproduktion:

  • "Weiche" Speisen bevorzugen (z.B. Weissbrot, Aufläufe, Kompott, Fleischklösschen) 
  • Meiden stark gewürzter,säurehaltiger oder sehr heisser Nahrungsmittel 
  • Evtl. pürierte Kost anbieten, aber Vorsicht wegen unappetitlichem Aussehen
  • Salbei- und Kamillentee (auch zur Spülung) sowie Bonbons anbieten
  • Öfter kleine Mengen Flüssigkeit, Bonbons, Kaugummis gegen Mundtrockenheit anbieten
  • Evtl. industriell gefertigte Trinknahrung und Säuglingsnahrung einsetzen


Bei Diarrhö:

  • Auf ausreichende Flüssigkeitsgabe achten
  • Fettanteil in der Nahrung reduzieren
  • Evtl. viskositätssteigernde Ballaststoffe wie Pektine einsetzen
  • Evtl. langkettige Fettsäuren zugunsten von mittelkettigen Triglyzeriden austauschen
  • Evtl. Enzympräparate einsetzen


Bei Völlegefühl/Blähungen:

  • Leicht verdauliche Speisen bevorzugen, blähende Speisen meiden
  • Anis, Kümmel und Zimt zum Würzen einsetzen
  • Kümmel-, Anis-, Fenchel-, Kamillen- oder Rooibostee als Getränk empfehlen
  • Bei Laktasemangel laktasefreie Kost oder Laktosepräparate einsetzen
  • Evtl. Enzympräparate geben (z. B. Creon bei Pankreaspathologien) 
  • Bauchdecke mit Anis-, Fenchel-, Kümmelöl massieren
  • Wärme- und Entspannungsübungen anbieten


Medikamentöse Interventionen
Gemäss der Onkologischen Gesellschaft für Krankenpflege (Oncology Nursing Society) gelten als Evidenz-basierte Intervention der Anorexie die Kortikosteroide Dexamethason, Methylprednisolon und Prednisolon für die kurzzeitige Behandlung. Die wirksamste Dosierung und Applikation ist nicht etabliert. Der längere Gebrauch ist mit signifikanter Toxizität behaftet und sollte wenn immer möglich vermieden werden.202
Ebenfalls als Substanz mit Evidenz-basierter Wirksamkeit bei Anorexie gilt das Progestin Megestrolazetat mit einer Dosierung von 160-1600 mg täglich. Individualisierte Ernährungsberatung wird als wahrscheinlich wirksam klassifiziert.202 
Für folgende Substanzen besteht bei der Anorexie keine Evidenz, da entweder neben dem Nutzen auch von beträchtlichen Nebenwirkungen berichtet wird oder die Studienpopulation zu klein war: Metoclopramid (gemäss klinischer Erfahrung hilft Metoclopramid 15 Minuten vor Nahrungseinnahme vielen Patienten) Cyproheptadin (Antihistamin, in der Schweiz nicht mehr im Handel), Eicosapentanoidsäure, Erythropoietin, Ghrelin, , orale verzweigtkettige Aminosäuren wie Tryptophan, Pentoxifyllin und Thalidomid. Wobei sich Metoclopramid bei vorzeitiger Sättigung als hilfreich erwies. Cannabinoide, Hydralazinsulfat und Melatonin wurden aufgrund von negativen respektive widersprüchlichen Studienresultaten oder zu kleinen Studienpopulationen als Substanzen mit unwahrscheinlicher Wirksamkeit für diese Indikation klassifiziert.202 

Enterale und parenterale Ernährung
Ist eine orale Nahrungsaufnahme nicht möglich, sollte die Möglichkeit zur enteralen Ernährung mittels Nahrungssonden geprüft werden. Diese Form der Ernährung vermeidet die Atrophie des Darmes und ist weniger komplikationsbehaftet als die parenterale Ernährung. Kontraindikationen sind Malabsorption, Obstruktion, gastrointestinale Blutung, Diarrhö, Erbrechen, gastrointestinale Fisteln sowie schwere Entzündungen. Naso-gastrale respektive duodenale oder jejunale Sonden sind bei einer enteralen Ernährungsdauer von weniger als zwei Wochen zu bevorzugen. Bei einer längeren Ernährung ist die endoskopische Sondenanlage (PEG/PEJ) oder chirurgisch eingelegte jejunale Ernährungssonde zu erwägen.141

Vor Beginn einer parenteralen Ernährung sollte, der mögliche Nutzen im Sinne erreichbarer Ziele aufgeführt sowie die Grenzen und Risiken einer parenteralen Ernährung kommuniziert werden. Gemäss heutiger Datenlage hat eine parenterale Ernährung keinen Effekt auf Lebensqualität oder Überleben von Patienten mit weit fortgeschrittenem Tumorleiden. Ferner sind sowohl Katheter- als auch Stoffwechselbedingte Komplikationen möglich, was die regelmässige Überwachung des Blutzuckertagesprofils, der Elektrolyte, des Triglyceridspiegels und des Säure-Base-Haushaltes erfordert.141

 

© Cancerdrugs GmbH, last update 18.02.2016.
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